NRW.Kreative Ökonomie

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Impulse

Wasser als Bauplan für Lacke

Freitag 08. August 2008

Die Welt moderner Lacke begann vor ca. 350 Jahren, als es italienischen Geigenbauern gelang, ihre Instrumente mit einer körperlich vibrierenden Lackierung des Holzes aufzuwerten. Ähnlich war es in der asiatischen Lackkunst, wo die Vorläufer der heutigen Aqualacke schon damals in bis zu einhundert Schichten aufgetragen wurden. Goldstaub, Perlmutt und Pigmente ergaben ein rundum in Licht strahlendes Gesamtbild in Lack. 

Modernen Lacken fehlt es an dieser Räumlichkeit, die eine solche schwebende Strukturdarstellung inerter Objekte mittels dreidimensionaler Hell-Dunkel-Verteilung erlaubt. Das einzelne Farbpigment kann nicht unverzerrt rundum strahlen, auch der Untergrund wird vom Licht nicht optimal ausgeleuchtet. Heutige Lacke zeigen sich alle in einer Zweidimensionalität „gefangen“, was zu Grenzflächenstörungen führt, und die Farben wirken gedämpft. Ein Lacksystem, das in der Lage wäre, die Reflexion von rauen Materialien genauso präzise wiederzugeben, wie bei gebürstetem Blattgold, muss noch gefunden werden.

Der Kölner Designer Bruno Toussaint experimentiert seit 1993 mit farbigen Glaslacken für grafische Verbundglasspiegel sowie einer Fotobelichtungstechnik, die feinste Bildrasterungen im Spiegelsilber ermöglicht. Aber erst die Untersuchung der synästhetischen Wahrnehmung des Wassers legte die Richtung für ein neuartiges dreidimensionales Lack-Linsensystem fest. In Wasser erscheint alles räumlich. Mineralien und Metalle sind wie mit einem um die Blickachse sich drehenden unscharfen Brennpunkt versehen, flache Gläser verschwinden oft ganz. Staunend stehen wir vor einer Unterwasserlandschaft und betrachten diese körperlose und doch zum Greifen nahe Lichtwelt, wo alles durch die Glasscheibe wie durch eine gigantische Linse verwandelt erscheint.

Dieser physikalische Projektionsmodus wurde von Toussaint auf ein funktionales Schichtlinsenmodell übertragen. Bei dem so genannten Schichtlinsenmodell „raustrukturierte Metallfläche-Wasser-Glas-Platte“ sollen sich die Grenzflächen von Lacken in aufsteigender optischer Dichtefolge „leer“ ineinander verströmen. Dabei erzeugen sie einen lichtein- und ausleitenden offenen Raum in Lack, der allseitig, also im 180°-Winkel, vollständig und verzerrungsfrei einsehbar ist. 

Die erste Generation der von Toussaint entwickelten Lacke besaß eine räumlich sehr gedehnte und ultraklare Polymerstruktur, die ähnlich der von Fotogelatine war, und damit auch die gesuchte „Wasserkodierung“ besaß. Bei der Erforschung der Anwendungen zeigte sich, dass lichtleitende Lacksysteme tatsächlich eine höhere Farbkraft besitzen als konventionelle, und dass sie verstärkt auf Raum und auf Sonnenlicht reagieren. Die hohe Verzerrungsfreiheit und Strahlkraft der Farben erlauben, dass die Kombination aus opaken Lacken in geringerer und „Glaslacken“ in höherer optischer Dichte auf fast allen „stetigen“ Untergründen aufzutragen sind. Dabei kann die optische Beschaffenheit sowie die Struktur verschiedenster Untergründe und Materialien regelrecht in die Gesamtfarbgebung „gespiegelt“ werden. Insofern stellt das Verfahren eine Schlüsseltechnik für Lacke dar, weil es auch artfremde Medien wie Holographie und LED aufnehmen kann. 

Mit dem Eigenschaftsprofil eröffnen sich viele Anwendungen in Industrie, Design, Kunst, Werbung und Architektur: Von raumbezogenen multifarbgrafischen Spiegel in Verbundglastechnik für U-Bahnen, Flughäfen oder Theater, die eine digitale Grafik aus Licht und Farbe mitsamt Blattmetallgrafik und Belichtung der Silberschichten zeigen bis Wandfarben-Lackkombinationen zur Gestaltung öffentlicher Räume, die direkt die Bodenflächen als „Art Walk“ mit einbeziehen. 

Nun gilt es mit Hilfe von Wissenschaft und kooperierenden Unternehmen die Grundlagenforschung von dreidimensionalen Lack-Bindemitteln mit optischen Eigenschaften und die Neuentwicklung von Lacken fort zu betreiben. Toussaint sucht hierfür nach Partnern und hofft, mit dem Projekt die Grundlage für viele Innovations- und Förderprojekte zu legen.

Bruno Toussaint, freier Künstler mit Atelier in Kölner Kunsthaus und lebt in Berlin, Berlin, August 2008