NRW.Kreative Ökonomie

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Thesen zur Kreativität

Montag 02. Juni 2008

These 5: Kreativität ist entwicklungsfähig und kann durch Einsicht, Erleben und Üben wie jede andere Fähigkeit gefördert werden.

Die Möglichkeit zur Entfaltung ist vor der erwähnten Aussage zu sehen, dass in der frühen Kindheit ein Maximum an – wenn auch unbewusster – Kreativität vorhanden ist, die dann im Laufe des Erwachsenwerdens aber meist schwindet, zum Glück aber nicht endgültig zerstört wird und deshalb wieder erweckt werden kann.

Es ist eine Binsenweisheit, dass sich Dinge umso besser entwickeln, je förderlicher das jeweilige Klima in der unmittelbaren Umgebung ist. Dies gilt nicht nur in der Natur, sondern auch im geistig-seelischen Bereich, also im Kulturellen. Hier ist also die Frage zu stellen, inwieweit in unserer Gesellschaft ein kreativitäts-freundliches Klima herrscht, was man insbesondere festmachen könnte auf folgenden Ebenen: im Elternhaus, im Kindergarten, in den Schulen und Hochschulen, am Arbeitsplatz, im Verein, im Politischen, in den Medien und wo sonst auch immer. Natürlich sind Klimta schwer messbar, wie man vom gängigen Beispiel des Betriebsklimas her ja weiß. Man kann oft nur sagen, ob es gut, passabel oder schlecht ist und ob es sich im Zeitablauf verändert hat.

Ohne eine umfassende Antwort geben zu wollen, kann sicherlich konstatiert werden, dass hohe Fehler-Toleranz (die wir Kindern gegenüber ja meist gewähren) für ein angstfreies Klima sorgt und damit Raum schafft für Experimente und Mut macht, breit nach Lösungen zu suchen. Also stelle sich jeder bitte selbst die Frage, wie er/sie es im Privaten und im Beruflichen mit solchen Fehlern hält, die nicht durch Nachlässigkeit entstehen, sondern durch das Verlassen ausgetretener Pfade und das Ausbrechen aus bekannten Mustern.

Der erste Schritt zur mentalen Veränderung könnte also in dem Vorsatz bestehen, dass Sie sich vornehmen, Mitmenschen nicht sofort zu kritisieren oder gar zu tadeln, wenn zunächst erfolglos etwas Neues ausprobiert wurde. Umgekehrt sollten Sie Gleiches einfordern, wenn Ihnen mal etwas misslingt. Würden alle Mitglieder einer sozialen Gruppe so verfahren – etwa am Arbeitsplatz –, wäre sicher ein großer Schritt getan. In der nächsten Stufe könnte man sich dann gegenseitig zum Experimentieren anspornen und so langsam in ein Klima hineinwachsen, das Neues nicht von vornherein als bedrohlich ansieht, sondern als potentiell chancenreich. Landet man – was unvermeidlich ist - gelegentlich in einer Sackgasse, und das Umfeld reagiert nicht mit dem gängigen Aufschrei "Das habe ich doch gleich gesagt", dann ist die Fehlertoleranz bereits angestiegen. Soviel zum Aspekt der Einsicht.

Erleben können Sie kreative Akte bei anderen durch Beobachtung bzw. Teilhabe sowie bei sich selbst durch schlichte Reflektion: Wann hatten Sie zuletzt einen guten Einfall? In welchem Umfeld kam dieser zustande? Haben Sie diese Idee erfolgreich umgesetzt? Wie hat Ihr Umfeld darauf reagiert, und wie reagieren Sie auf andere, wenn diese Ihnen erstmals eine neuartige Idee vortragen?

Ich wünsche jedem, einmal an einem professionell angeleiteten Brainstorming teilzunehmen und zu erleben, wie sich im Laufe der Zeit eine geistige Lockerung einstellt und nach 10-15 Minuten die Ideen immer origineller werden, so dass sich im Idealfall ein ‚Gedankensturm’ entfacht, der Anfänger meist in Staunen versetzt. Da viele sogenannte Brainstormings falsch konzipiert und nicht mindestens 30 Minuten durchgehalten werden, wissen viele Akteure gar nicht um die Chancen, die dabei vertan werden: Ein Brainstorming unter 30 Minuten ist kein Brainstorming, weil dann nur die sogenannte Ablade-Phase durchlaufen wird!

Diese Regel gilt für alle anderen Techniken gleichermaßen, insbesondere für alle Formen des Brainwriting. Die recht verbreitete Methode 635 (Bernd Rohrbach 1968) gibt diese Zeit ja explizit vor nach der Regel: 6 Personen kreieren 3 Ideen in jeweils 5 Minuten; also nimmt man sich hier ganz bewusst 30 Minuten Zeit zum Nachdenken. Lediglich die von Gordon (Synectics 1961) entwickelte und von Prince (1968) fortentwickelte Synektik sprengt diesen Zeitrahmen und braucht aufgrund der formalisierten Verfremdung des zu lösenden Problems meist zwei bis drei Stunden.

Üben, üben, üben – diese Urmodell des Lernens gilt auch hier, und viele Teilnehmer von Kreativitäts-Kursen berichten leider, dass sie nach Rückkehr an den Arbeitsplatz kaum oder schlimmstenfalls gar keine Gelegenheit fanden, das gerade Erlernte zu praktizieren. Dies wäre ein schlagender Beweis für ein völlig unzureichendes Kreativitätsklima und unterstreicht den Alibi-Charakter, den solche Trainings vielfach haben. Sollte dem so sein, rate ich dringend, das Üben in die Privatsphäre zu verlagern, wobei man ja nicht zwingend auf die Gruppe angewiesen ist, da Kreativität prinzipiell auch solo entfaltet werden kann. Bevor man sich auf die Aussage festlegt, man könne besser ohne andere kreativ sein, sollte man aber den Versuch mit einer moderierten Gruppe gemacht haben, die gemäß These 7 richtig zusammengesetzt sein muss.

Prof. Jörg Mehlhorn, Vorstand der Gesellschaft für Kreativität, Mainz, 2008