

Die deutsche Textilindustrie scheint ein Mittel gegen Umsatzrückgänge und die Billigkonkurrenz aus Fernost gefunden zu haben. Mit intelligenter Kleidung meldet sie sich zurück im Weltmarkt. Auch Unternehmen außerhalb der Textilbranche haben den Trend erkannt und arbeiten seit Jahren an der Serienreife Ihrer Produkte. 2008 waren es bereits 40 Unternehmen, die Bekleidung mit technischen und chemischen Funktionen herstellen. Denn eines liegt auf der Hand: Die Potentiale sind beachtlich.
Von Nippes bis High-Tech
Die Bandbreite an möglichen Produkten reicht von Artikeln, die man als futuristische Cybermode bezeichnen kann, über Alltags- und Sportkleidung mit Mehrwert bis hin zu medizinischen Kleidungsstücken. Der Badeanzug mit Leuchtdioden zählt sicherlich zur ersten Kategorie. Mittlerweile ein alter Hut ist die Jacke mit integriertem MP3 Player, die man ohne Probleme waschen und bügeln kann. Intelligente Garderobe wie das Massagekleid hingegen wurden von der Fachwelt bereits vor einigen Jahren geadelt. Das in das Kleid integrierte elektronische Massagekissen kann der Trägerin bei Rückenschmerzen den Abend erleichtern. Zu Recht erhielt seine Entwicklerin, die römische Designerin Alexandra Fede, für den „Joy Dress“ 2002 den avantex Innovationspreis.
Ein riesiger Markt für medizinische Kleidung
Und hiermit erschließt sich ein äußerst zukunftsträchtiger Bereich: die Medizin. Da die Bevölkerung Europas immer älter wird, findet intelligente Kleidung einen großen Absatzmarkt. Das Stichwort heißt Personal Health Monitoring. Anwendungsbereich ist zum Beispiel der Heim- und Pflegedienst. Das Projekt NutriWare wurde 2007 von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen zusammen mit Motorola, Philips, dem Stoffhersteller Elastic und der auf Krankenpflege-Produkte spezialisierten Suprima ins Leben gerufen. Ziel ist es, bei Krankenhauspatienten und Pflegeheim-Bewohnern die ausreichende Versorgung des Körpers mit Wasser und Nahrung mit intelligenter Kleidung zu überwachen.
Auch Microsoft hat den Bereich Personal Health Monitoring für sich entdeckt. Im „European Microsoft Innovation Center“ in Aachen arbeitet man an einem System, das Diabetikern das Leben erleichtert. Ein Sensor im T-Shirt misst den Blutzuckergehalt und funkt die Daten an die Armbanduhr. Diese macht dann Vorschläge für die nächste Insulin-Dosierung. Intelligente Kleidung ist noch zu mehr fähig. Bei Risikopatienten könnten unsichtbare Sensoren im Stoff die Temperatur und andere Körperfunktionen messen und den Notarzt alarmieren, wenn das Herz Probleme macht. Ein T-Shirt der Münchener Firma Actimon kann sogar ein Langzeit-EKG am Patienten durchführen.
Bequem und sicher im Alltag
Aber auch Gesunde können von „mitdenkenden“ Textilien profitieren. „Phase Change Materials“ in Kleidungsstücken wie beispielsweise Winterjacken ändern je nach Temperatur ihren Aggregatszustand und setzen dabei Wärme frei oder speichern sie. Wenn der Jackenträger schwitzt, verflüssigen sich die Mikrokugeln und nehmen Wärme auf. Bei kühlen Außentemperaturen verfestigen sie sich und geben Wärme ab. Die Technologie ist nicht nur komfortabel, sie kann auch zur Sicherheit im Straßenverkehr beitragen. Die Motorradanzüge der finnischen Firma Rukka haben folgenden Effekt: Spezialtextilien an Ellenbogen und Schultern ermöglichen optimale Bewegungsfreiheit; treffen Sie bei einem Unfall hart auf den Straßenboden werden Sie zu einem festen Schutzpanzer.
Fußgänger, wie der Geschäftsmann, der in New York aus dem Flieger steigt, können vielleicht schon bald sogenannte „Smart Clothes“ oder „Wearable Technologies“ nutzen. Ein in der Kleidung integriertes Computersystem mit Satelliten-Empfang kann ihm dann jederzeit sagen, wie er am schnellsten zu seinem Hotel kommt und welche Stadtteile er zu meiden hat. Auf Kleidung für das Berufsleben hat sich das Technologiezentrum Informatik und Informationstechnik der Uni Bremen spezialisiert. Hier entwickeln die Forscher vor allem intelligente Kleidung für den Auto- und Flugzeugbau sowie für Krankenhaus und Feuerwehr. Die Feuerwehrmänner von Paris tragen bereits Sensoren im Stiefel, welche die Ortung am Einsatzort erleichtern, wenn bei Bränden die Sicht versagt. High-Tech Kleidung ist auch durchaus in der Lage einfach nur Spaß zu machen. Microsoft arbeitet bereits an Spielen, die durch Bewegungssensoren an der Bekleidung gesteuert werden und bei denen der Nutzer das Spektakel mit einer 3D Brille verfolgen kann.
Sportliche Unterstützung
Vergnügen bereiten „Smart Clothes“ vor allem beim Sport. Dem Skifahrer entgeht durch seinen Kommunikationshandschuh „G-Cell“ von der Radebeuler Firma TEXSYS kein Telefonat. Dank Bluetooth-Verbindung zum Handy, beginnt sein Handgelenk zu vibrieren. Für Komfort auf der Piste sorgt das Spezialgarn „novonic“. Seine Eigenschaften machen die selbsterwärmende Skijacke und Unterwäsche möglich. Großen Nutzen hat intelligente Kleidung vor allem da, wo man sie zum Schutz des Sportlers einsetzt. Die Schutzwesten der Deutschen Teakwondo Union verhindern nicht nur, dass die Kämpfer sich verletzen, sie registrieren auch die Treffer und übertragen sie an die Wertungsrichter. Der Laufschuh adidas1 schützt Knie und Gelenke. Ein eingebauter Mikroprozessor misst die Kräfte, die auf den Schuh wirken und passt die Dämpfung dem individuellen Laufstil an.
Im Rahmen des EU-Projektes ConText entwickelten Forscher der Frauenhofer Gesellschaft bereits Textilien mit Sensoren, um die Muskelaktivitäten zu messen und Bewegungsabläufe zu optimieren. Aus diesen Systemen könnte eines Tages der sprechende elektronische Tanz- oder Tennislehrer entstehen – „Bitte durchschwingen!“
Bis sich jeder Bürger Eigentümer zumindest eines intelligenten Kleidungsstückes nennen kann, wird noch eine Weile vergehen. Die schwäbische Firma Trigema hätte aber bereits eine Lösung für das so entstehende Müllproblem: Das ökologisch abbaubare T-Shirt. Ein Wehrmutstropfen wäre im Moment noch die kurze Haltbarkeit: Nach sechs Monaten lösen sich die Shirts wieder in Ihre Bestandteile auf.